Strategische und integrierte Verkehrssicherheitsarbeit

Verkehrssicherheitsarbeit ist kein isolierter Prozess, sondern funktioniert nur als Querschnittsaufgabe mit integrativem Ansatz.

Verkehrssicherheitsarbeit – vor allem im Infrastrukturbereich – war lange Zeit vorrangig definiert über die Arbeit der Unfallkommissionen bzw. die örtliche Unfalluntersuchung. Über Grenzwerte des Unfallgeschehens werden ausgewählte Bereiche des Straßennetzes analysiert und Maßnahmen zur Sanierung von Sicherheitsdefiziten umgesetzt. Diese Vorgehensweise wird auch in Zukunft einen hohen Stellenwert haben. Die heutige Verfügbarkeit und Qualität von Unfalldaten, neue Möglichkeiten der Analyse, aber auch die Weiterentwicklung von Verfahren zur präventiven Sicherheitsarbeit geben den Kommunen heute wesentlich vielfältigere Ansätze an die Hand, um Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit zu planen und zu priorisieren.

Zweitveröffentlichung des Artikels (zuerst erschienen in „der gemeinderat“ Nr. 3/2018). Voraussichtliche Lesedauer des Artikels: 3 Minuten

Diese Ansätze lassen sich auf drei wesentliche Kernpunkte zurückführen:

  • verknüpfte Auswertungen digitaler Unfalldaten mit Informationen zum Straßennetz und zur Straßeninfrastrukturobjektive
  • Abschätzung zukünftiger Auswirkungen von Veränderungen auf die Verkehrssicherheit anhand von Unfallmodellen
  • Verkehrssicherheitsarbeit als Querschnittsthema

Jährlich veröffentlichte Unfallstatistiken geben nur einen Bruchteil der Informationen preis, die für die Verkehrssicherheitsarbeit relevant sind. Erst verknüpfte Auswertungen, das heißt Auswertungen, die Merkmale kombinieren oder verschiedene Datenarten gemeinsam betrachten, zu Konfliktsituationen bestimmter Verkehrsmittel, den beteiligten Altersgruppen, sowie Angaben zu den Örtlichkeiten ermöglichen gezielte Maßnahmen mit einer hohen Wirksamkeit. Handelt es sich bspw. bei Unfällen mit Radverkehrsbeteiligung um Konflikte beim Abbiegen, bei denen eingeschränkte Sichtbeziehungen zu unfallbegünstigenden Situationen führten? Oder werden eher Unfälle mit einbiegenden Kfz und linksfahrendem Radverkehr („Geisterradler“) verzeichnet? Auf welchen Routen und an welchen Knotenpunktypen ereigneten sich diese Unfälle? Das kann eine einfache Unfallstatistik nicht beantworten. Verknüpfen Sie aber detaillierte Unfalldaten mit einem Netzmodell und zusätzlichen Informationen (u. a. Art der Radverkehrsanlage), lassen sich auf einen Blick Sicherheitsdefizite identifizieren. Solche Netzanalysen eignen sich auch zum Vergleich bzw. zu einer Art „Überlagerung“ mit anderen Bewertungs- und Analyseverfahren. Eine Überlagerung mit Analysen aus Lärmaktionsplänen, Stadtgeschwindigkeits- oder Radverkehrskonzepten geben vergleichsweise schnell und einfach Hinweise, wo Verkehrssicherheitsaspekte in die Überlegungen einfließen sollten.

Der Stellenwert von Unfallmodellen in der Verkehrssicherheitsarbeit
Dies ist der Blick zurück, um Auffälligkeiten des Unfallgeschehens als Grundlage für die Entwicklung und Priorisierung von Maßnahmen zu berücksichtigen. Welchen Beitrag aber können zukünftige Maßnahmen für die Verkehrssicherheit im Sinne einer reduzierten Zahl und Schwere von Unfällen (meist ausgedrückt über volkswirtschaftliche Unfallkosten) leisten? In den letzten Jahren wurden vermehrt sogenannte Unfallvorhersagemodelle entwickelt. Diese sagen nicht – wie der Name suggeriert – einzelne Verkehrsunfälle voraus, sondern treffen eine Abschätzung, wie sich das jährliche Unfallgeschehen bei Umstellung bestimmter Randbedingungen verändert. So hat die gleiche Menge an Verkehr in einer Hauptgeschäftsstraße im Vergleich zu einer Gewerbestraße nachweislich andere Folgen für die Verkehrssicherheit. Hier ergeben sich Möglichkeiten der Optimierung. Dies geschieht anhand von Unfallmodellen, mit denen Unterschiede abgeschätzt und quantifiziert werden. Vor allem in Kombination mit Verkehrsnachfragemodellen ergeben sich zahlreiche neue Analysemöglichkeiten. Folgende Fragestellungen sind denkbar bzw. werden heute bereits damit bearbeitet:

  • Wie kann die Verteilung des motorisierten Individualverkehrs dahingehend optimiert werden, dass sich bei gleichbleibender Verkehrsmenge insgesamt weniger und weniger schwere Unfälle ereignen? Anders formuliert, welchen Nutzen bringt es, den motorisierten Verkehr aus sensiblen Straßenräumen mit vielen nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmern und anderen Konflikten (u. a. Parken, ÖV) in weniger sensible Straßenräume zu verlagern?
  • Welche flankierenden Maßnahmen zur Abfederung der Auswirkungen des Baus einer neuen Ortsumgehung oder einer sonstigen Straße bringen den höchsten Nutzen für die Verkehrssicherheit?
  • Welche Veränderungen bringen Anpassungen in den zulässigen Höchstgeschwindigkeiten z. B. aufgrund des Lärmschutzes für die Verkehrssicherheit?
  • Welcher Straßenentwurf erbringt nachweisbar den größten Nutzen für die Straßenverkehrssicherheit. An welchen Stellschrauben muss der Planer drehen, um die Verkehrssicherheit weiter zu optimieren?

Strategische und integrierte Verkehrssicherheitsarbeit – zweiter Teil …. weiterlesen

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